NK
29.08.2009, 09:58
Gespräch – Fäulnis
Juni 2009
http://www.sickblackart.de/
http://www.karge-welten.de/
http://img197.imageshack.us/img197/9906/logobku.jpg
Grüße Seuche.
Zu Beginn eine Frage zum Interview selbst; soweit ich mich erinnern kann, hast du in der Vergangenheit Interviews kategorisch ausgeschlossen – woher rührt dieser offensichtliche Sinneswandel?
Grüße zurück!
Ja, woher rührt der Sinneswandel? Eigentlich habe ich Interviews ja nicht kategorisch abgelehnt. Entweder hatte ich latent keine Lust, belanglose Fragen von belanglosen Webzines zu beantworten oder generell wenig Interesse, nachdem ich damals für die Metallkatharsis ein sehr ausführliches Interview gegeben habe, alles schon Gesagte erneut durchzukauen.
Die Zeit vergeht, es kamen neue Veröffentlichungen und gerade jetzt, auf der Grundlage von
'Gehirn zwischen Wahn und Sinn' bin ich doch gespannt, mit welchen Fragen ich konfrontiert
werde. Und interessante Fragen bieten eben eine Herausforderung, sich über eine musikalische Veröffentlichung hinaus noch einmal differenzierter mit dem Stoff zu befassen.
Betrachtet man die Gestaltung der neusten Erscheinung „Gehirn zwischen Wahn und Sinn“ entstehen natürlich Assoziationen zur momentan populären „Post-Rock/ Suicide Black Metal“-Welle (eine Abgrenzung deinerseits erfolgte über den aktuellen Flyer). Hattest du wirklich die Befürchtung, dass Fäulnis „Trendreiterei“ angelastet werden könnte?
Ach, immer dieses Trend-Gerede. Die Abgrenzung von der Du spricht ('Postrock und Suicide haben leider nicht mehr [auf das Album] drauf gepasst'), war aus einer Laune heraus ein sarkastisches Statement, gerichtet an all die Bands, die sich permanent in ihrer musikalischen und inhaltlichen Ausrichtung der aktuellen Mode unterwerfen, anstatt mal ihren eigenen Weg zu gehen. Insbesondere dieser Post Rock Black Metal Mumpitz ist komplett an mir vorbei gegangen und wenn ich ehrlich bin, könnte ich jetzt nicht einmal sagen, was Post Rock und dieses ominöse Shoegaze (?) wirklich ist. Ich könnte das jetzt 'googeln' oder bei 'Wikipedia' gucken, aber es interessiert mich nicht einmal. Ich habe hier alten Punkrock, schön kalten 80er Goth Rock, das reicht mir vollkommen. Und mal ehrlich, ohne einen gewissen Franzosen und gewisse lebensliebende Schweden würde sich doch heute im Black Metal keine Sau für Joy Division interessieren.
Ich bin mein eigener Trend!
Zum Thema „Suicide“-Black Metal. In einem Review (auch metallized) konnte man lesen, dass die “Letharg”-EP im Konsens das Thema Selbstmord behandelt. Bei genauerer Betrachtung findet man allerdings eher eine „Lebensbejahung“ des Protagonisten (Rekonstruktion: „Der noch so ekstatisch, empathisch empfangene Einklang mit der Todessehnsucht war nur ein unbewusstes Anbeten des Lebens, welches mit derartiger Intensität erlebt wurde“). Wie stehst du zu dieser These?
Nun, Du hast die Frage ja erfreulicherweise selbst beantwortet. 'Letharg' hat mit Selbstmord überhaupt nichts zu tun, Presse und Hörerschaft hätten das Werk nur einfach gerne dort gesehen, weil das einfacher gewesen ist, als sich inhaltlich mit 'Letharg' auseinander zusetzen.
Mit Deine 'These' liegst Du vollkommen richtig und genau das habe ich, meine ich, an anderer Stelle auch schon häufiger versucht, zum Ausdruck zu bringen. Manchmal braucht es Extremsituationen, um sich dem Wert des eigenen Lebens wieder klar zu werden.
Wenn man allerdings die Trilogie ("Verfall eines Individuums": Cholerik, Gehirn zwischen Wahn und Sinn und Endstation) betrachtet, soll am Ende der Titel „Endstation“ stehen („Die Verzweiflung in welcher der Protagonist beschließt, seinem Leben ein Ende zu machen, um die Schwelle zum Tode zu überschreiten“ aus „Cholerik“-Re-Release). Somit entsteht ein gänzlich anders Bild über den Werdegang des Protagonisten. Kann man behaupten, dass „Letharg“ autobiografisch gehalten ist, während die Trilogie auch mit den Grenzen der künstlerischen Fiktion spielt? Handelt es sich sozusagen um zwei verschiedene "Protagonisten"?
Hm, mit der Frage führst Du definitiv eine gewisse Ungereimtheit aus, die sich über die Jahre zwangsläufig ergeben hat. Die Grundfesten der Trilogie habe ich ja schon 2003 formuliert, zu einem Zeitpunkt, wo eine realistische Zukunft von Fäulnis überhaupt nicht absehbar war. Profan wollte ich mit 'Cholerik' nichts anderes, als 1000 andere 'Projekte' auch: ein Demo aufnehmen. Alles was danach folgte, insbesondere der Zuspruch, den ich offenbar für 'Gehirn zwischen Wahn und Sinn' bekomme und der Status, den Fäulnis heute hat, liegt weit über dem, was ich mir damals überhaupt erhoffen konnte oder wollte. Selbst 'Letharg' war später 'nur' eine plötzliche Gedankenflut, die ich vertonen musste, ohne daran zu denken, ob und wie es weitergehen könnte. Danach erst fing ich an, das ganze Chaos zu ordnen. Ohne diesen Weg hätte ich 'Gehirn' niemals zustande gebracht, ich habe
ja gut zwei Jahre an dem Material gearbeitet.
Der 'Werdegang des Protagonisten', wie Du es nennst, sind eigentlich nur Momentaufnahmen, die sich in meiner jeweiligen Gefühlslage manifestieren. Mit der Trilogie habe ich dem ganzen eine oberflächlich zumindest stringente Form gegeben, die sich über die Jahre in ihrer Auslegung schon so oft verändert hat, dass nun zum Beispiel 'Gehirn zwischen Wahn und Sinn' inhaltlich komplett von dem abweicht, was ich ursprünglich geplant habe. Das liegt aber einfach daran, dass ich mich naturgemäß einfach weiterentwickelt habe und heute schlicht andere Ansichten zu gewissen Dingen habe, alsfrüher. Klingt langweilig, aber ich bin älter und einfach ruhiger geworden. Zu Zeiten von 'Cholerik' und 'Letharg' war ich komplett im Eimer und zumindest gedanklich wollte ich den Protagonisten final sterben sehen, als konsequentes Ende. Mit der Zeit und der Auseinandersetzung mit dem Stoff begann ich, das Thema 'Ende' freier auszulegen. Zeitweise ging es wirklich um den thematisch 'echten' Tod, heute würde ich es vielleicht eher als eine Art Abschluss bezeichnen, der Tod, metaphorisch, als Möglichkeit für einen Neuanfang. Ich bin früher nun einmal radikaler und kompromissloser mit Extremwerten umgegangen, heute geht es mir vor allem um eine möglichst kompromisslose Auslegung der Realität und nicht der verzerrten Schein-Realität aus inszeniertem Pathos.
Der Protagonist ist derselbe, aber hat gelernt.
Fäulnis verweigert jegliche „Black Metal Klischees“; du selbst bezeichnest deine Musik als „Sick Black Art“ – wie tief ist die Bindung zum Black Metal (auch zur sog. „Szene“) - sofern sie überhaupt besteht oder in einer Form bestanden hat?
Ich habe eine starke Bindung zu meiner Vergangenheit und Black Metal hat dort lange Zeit eine sehr dominante Rolle gespielt, sprich, ich habe musikalisch lange Zeit kaum was anderes gehört. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr war Black Metal alles, erlag glatt der Illusion, in dieser Musik alles finden zu können, was für mich wichtig ist. Black Metal ist ein intensives Ausdrucksmittel für eine ganze Palette von Emotionen, heute finde ich diese aber in vielerlei anderen Stilen genauso, denen ich mich früher verschlossen habe. Mit einer Szene habe ich praktisch kaum was zu tun und bis heute fühle ich mich ihr auch nicht zugehörig. Ich kann mit der Uniformität und diesem starren Konventionskorsett nichts anfangen. Ich höre immer noch viel Black Metal, allerdings reichen mir die eigenen vier Wände und eine leistungsstarke Anlage. Und darüber klingen auch gerne immer wieder olle Misfits sehr gut!
Soweit ich dein Schaffen überblicke (wobei bemerkenswert ist, dass praktisch immer weitere Teile„der Gefühlswelt“ entblößt werden – anders kann man es wohl nicht ausdrücken!) erhebst du durchaus den gleichen Anspruch wie Klaus Kinski – die Kunst/ Musik nicht als bloße Fiktion und Gedankenspielerei, sondern reale Ausarbeitung, Kompensation, Sublimierung (im Sinne von Nietzsche)? Im Booklet des „Cholerik“-Re-Release bezeichnest du es (ironisch?) als „Selbstinzenierung“. Verschwimmen die Grenzen zwischen Person und „Kunst“?
Von Nietzsche habe ich keine Ahnung, aber ich kann nicht leugnen, Klaus Kinski als Gesamtkunstwerk zu bewundern. Mit seiner Kompromisslosigkeit und seiner unglaublichen Intensität ist er eine der beeindruckensten Personen der Öffentlichkeit gewesen. Und selbstverständlich, er hat sich ja praktisch bis ins kleinste Detail selbst inszeniert. 'Mein liebster Feind' sage ich nur...
Ich bin ja fast schon begeistert, wie Du mir hier zielsicher die Bälle zuwirfst. Fäulnis und Selbstinszenierung... Ich habe den Begriff mit einer ironischen Note versehen, aber es stimmt schon. Mein hochgestochenes, langatmiges Geschwafel in Interviews, das komplette semantische Drumherum von Fäulnis, immer mit dem unterschwelligen erhobenen Zeigefinger gegen den phrasendreschenden, langweiligen Rest... Da kommt dann doch einfach meine Persönlichkeit durch, ich stehe 100% hinter dem, was ich sage und tue. Und wenn eine Entscheidung vielleicht mal nicht so gut ist, stehe ich auch dafür ein. Ich glaube, Fäulnis funktioniert auch nur deshalb, weil ich mich nicht verstellen muss. Wie schlimm muss das für all die Bands sein, mit ihren auf Attraktivität bei der Zielgruppe geprügelten Images, die kaum mehr was von sich preisgeben können, weil es das Gesamtwerk zu einer Lachnummer machen würde. Ich laufe ja auch nicht blind durch die Welt, die Fäulnis ist heute nicht da, wo sie ist, weil ich ein begnadeter Musiker, geschweige denn Sänger bin. Ich denke schon, dass sich langfristig eine gewisse Authentizität auszahlt. Wobei ich wieder darauf verweisen möchte, dass Fäulnis eben nur ein Teil meiner Selbst ist und so kommen wir auch zur nächsten Frage:
Hast du nicht manchmal das Gefühl zuviel deiner Gefühlswelt „preiszugeben“? Als Hörer fühlt man sich teilweise fast „voyeuristisch“ (als passendes Beispiel fällt mir spontan „Spiegel, Splitter, Schrott“ vom aktuellen Album ein).
Und so soll es sein. Nicht anders. Ich bin nicht mit Fäulnis angetreten, um der Welt zu geben, was sie haben will. Ich will den Hörer konfrontieren, mit sich selbst, mit Teilen von sich selbst, die man gerne hinter einer Fassade verschwinden lässt. Und auch wenn ich es selbst nicht gedacht hätte, es funktioniert. Sicher, ein ganz großer Teil springt schon vorher ab und legt Fäulnis zu den Akten. Wer Musik hören will um unterhalten zu werden, ist hier sicher falsch und auch wenn 'Gehirn zwischen Wahn und Sinn' musikalisch viel ausgefeilter daherkommt, als noch Cholerik, es sind die Texte, um die es mir geht. Ich will diese möglichst intensive Auseinandersetzung. Ansonsten kann ich auch Popmusik machen.
Und was heißt schon 'preisgeben'? Was gebe ich schon preis, was, und darauf spielst Du vielleicht an, mir zum Nachteil werden könnte? Schlimmstenfalls bin ich für ein paar Leute zu emo, aber das Gegenstück, es als Künstler zu schaffen, fremden, von mir unabhängigen Leuten emotional die Klatsche zu geben, ihnen den Spiegel vorzuhalten, ist es mir wert.
Am Ende der „Letharg“-EP wird ein Sample von Klaus Kinski eingespielt (aus dem recht bekannten NDR-Interview vermute ich); verbindest du etwas Spezielles mit Kinski oder passte nur das Zitat zum Schaffen von Fäulnis („Ich spiele nicht, ich bin das – und deswegen bin ich nichts!“)? Ebenso hat Kinski ja auch Villon („Die Lästerzungen“; ebenfalls „Cholerik, eine Aufarbeitung²“) rezitiert.
Siehe oben. Das Zitat passte perfekt zum 'Letharg'-ischen Ende und trifft genau den Kern.
Und klar, das Gedicht von Villon kenne ich über Kinski. Das war eine glückliche Fügung, denn 'Die Lästerzungen' treffen auch heute noch den Nagel auf den Kopf.
Im Textheft der Letharg DVD sprichst du „vom Gefühl im Kreis gelaufen zu sein“. Ist die Aufarbeitung noch immer nicht abgeschlossen – die „Ewige Wiederkunft des Gleichen"?
Ja nun, ich bin auch nur ein Mensch, unglaublich aber wahr. Die Aufarbeitung ist ja in diesem Fall ein Prozess, gedankliches zu verschriftlichen oder zu vertonen. Ich erhoffe mir natürlich eine kompensatorische Wirkung dadurch, dass ich das ganze Zeug aus meinem Kopf niederschreibe.Aber letzten Endes geht das Leben jeden Morgen weiter und hält ja genug neue Überraschungen bereit. Das Leben wird ja nicht plötzlich zu einer blühenden Wiese, weil man eine CD aufgenommen hat.
Wie zufrieden bist du mit der filmischen Umsetzung von „Letharg“? Mir persönlich war gerade die Schlussszene doch etwas zu „abgedroschen“, während das gesprochene (und neu vertonte) Mittelstück doch sehr eindrucksvoll dargestellt wurde (nochmal zum Thema Kinski,Stephan Lenze zeigt doch eine gewisse Ähnlichkeit...?).
Ich bin sehr zufrieden mit der Umsetzung. Schwierig mag für viele sein, dass man sich bei der Verfilmung komplett von der damaligen Veröffentlichung lösen muss, da wir bewusst darauf verzichtet haben, das Gefühl zur Zeit der musikalischen Aufnahmen zu rekonstruieren, Stephan Lenze also praktisch komplett freie Hand bekommen hat. Gerade die Schlussszene gefällt mir sehr gut, streiten können wir vielleicht über die Sequenzen der Maschinen-Schau. Aber selbst die sind, so platt sie erscheinen, so geplant und umgesetzt worden.
Im Beiheft der Letharg-EP wurden neben dir nur „Gastmusiker“ geführt; mittlerweile führt deine Netzpräsens auch zwei Herren unter den Kürzeln „P.H.“ und „N.G.“. Inwieweit beziehst du weitere Musiker in das Songwriting mit ein, bzw. waren weitere Personen bereits in der Vergangenheit involviert? Wohin führt der Weg von „Fäulnis“?
Das Songwriting und die Texte werden immer meine Sache sein und bleiben. Ich habe mir nur immer wieder Gastmusiker gesucht, um gewisse Unfähigkeiten meinerseits auszubügeln. Eine große Rolle spielt hier das Schlagzeug. Ich kann absolut kein Schlagzeug spielen, wollte aber niemals, unter keinen Umständen auf einen Drum-Computer zurückgreifen, der die ganze Stimmung eines Albums komplett ruinieren kann. Eine gewisse Öffnung von meiner Seite aus gab es jetzt mit 'Gehirn zwischen Wahn und Sinn', wo N.G. erstmals eine lange Vorlaufzeit hatte, die Drumspuren zu entwickeln und auszuarbeiten. Der Drummer auf der Cholerik hatte damals die Stücke von mir direkt im Studio vorgespielt bekommen und musste sie danach sofort einspielen, das war damals eine Sache von höchstens einer Stunde. Für ihn undankbar und blamabel ohne Ende, da er ein wirklich guter Schlagzeuger ist, allerdings komplett in meiner Eigensinnigkeit und chaotischen Vorbereitung untergegangen ist. An P.H. hatte ich dieses mal den Bass komplett abgegeben und ihm auch viele Freiheiten bei den Basslinien gegeben. Da auch er, im Gegensatz zu mir, ein hervorragender Musiker ist, litt er genauso unter meiner Starrsinnigkeit und musste viele Ideen wieder auf minimalistische Linien runterkürzen.
Wohin führt der Weg? Ich habe keine Ahnung. Ich habe seit den Aufnahmen meine Gitarre nicht mehr in der Hand gehabt, vor kurzem aber mit losen Vorbereitungen für 'Endstation' begonnen. Neben dem Hauptbeitrag und eventuell den ein oder anderen Bonus werden auf der der Veröffentlichung Gastbeiträge, das heißt, Cover, Interpretationen von (befreundeten) Künstlern enthalten sein (Gastbeiträge können gerne abgesprochen werden). Außerdem, da das ganze kostenlos zum runterladen sein wird, Coverdaten und eine umfangreiche PDF. Dazu folgendes: Ich sehe 'Endstation' mehr als eine Art Compilation, die letzten Puzzleteile, eine endgültige Zusammenfassung und Beendigung der Trilogie. Ob und wie es danach weitergeht... abwarten.
Außerdem planen wir gerade ein Video zu 'Landgang' und so wie es aussieht, wird Fäulnis noch dieses Jahr auf die Bühne gehen.
Ich bedanke mich für die investierte Zeit zur Beantwortung meiner Fragen.
Ich danke für Deine interessanten Fragen.
Juni 2009
http://www.sickblackart.de/
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Grüße Seuche.
Zu Beginn eine Frage zum Interview selbst; soweit ich mich erinnern kann, hast du in der Vergangenheit Interviews kategorisch ausgeschlossen – woher rührt dieser offensichtliche Sinneswandel?
Grüße zurück!
Ja, woher rührt der Sinneswandel? Eigentlich habe ich Interviews ja nicht kategorisch abgelehnt. Entweder hatte ich latent keine Lust, belanglose Fragen von belanglosen Webzines zu beantworten oder generell wenig Interesse, nachdem ich damals für die Metallkatharsis ein sehr ausführliches Interview gegeben habe, alles schon Gesagte erneut durchzukauen.
Die Zeit vergeht, es kamen neue Veröffentlichungen und gerade jetzt, auf der Grundlage von
'Gehirn zwischen Wahn und Sinn' bin ich doch gespannt, mit welchen Fragen ich konfrontiert
werde. Und interessante Fragen bieten eben eine Herausforderung, sich über eine musikalische Veröffentlichung hinaus noch einmal differenzierter mit dem Stoff zu befassen.
Betrachtet man die Gestaltung der neusten Erscheinung „Gehirn zwischen Wahn und Sinn“ entstehen natürlich Assoziationen zur momentan populären „Post-Rock/ Suicide Black Metal“-Welle (eine Abgrenzung deinerseits erfolgte über den aktuellen Flyer). Hattest du wirklich die Befürchtung, dass Fäulnis „Trendreiterei“ angelastet werden könnte?
Ach, immer dieses Trend-Gerede. Die Abgrenzung von der Du spricht ('Postrock und Suicide haben leider nicht mehr [auf das Album] drauf gepasst'), war aus einer Laune heraus ein sarkastisches Statement, gerichtet an all die Bands, die sich permanent in ihrer musikalischen und inhaltlichen Ausrichtung der aktuellen Mode unterwerfen, anstatt mal ihren eigenen Weg zu gehen. Insbesondere dieser Post Rock Black Metal Mumpitz ist komplett an mir vorbei gegangen und wenn ich ehrlich bin, könnte ich jetzt nicht einmal sagen, was Post Rock und dieses ominöse Shoegaze (?) wirklich ist. Ich könnte das jetzt 'googeln' oder bei 'Wikipedia' gucken, aber es interessiert mich nicht einmal. Ich habe hier alten Punkrock, schön kalten 80er Goth Rock, das reicht mir vollkommen. Und mal ehrlich, ohne einen gewissen Franzosen und gewisse lebensliebende Schweden würde sich doch heute im Black Metal keine Sau für Joy Division interessieren.
Ich bin mein eigener Trend!
Zum Thema „Suicide“-Black Metal. In einem Review (auch metallized) konnte man lesen, dass die “Letharg”-EP im Konsens das Thema Selbstmord behandelt. Bei genauerer Betrachtung findet man allerdings eher eine „Lebensbejahung“ des Protagonisten (Rekonstruktion: „Der noch so ekstatisch, empathisch empfangene Einklang mit der Todessehnsucht war nur ein unbewusstes Anbeten des Lebens, welches mit derartiger Intensität erlebt wurde“). Wie stehst du zu dieser These?
Nun, Du hast die Frage ja erfreulicherweise selbst beantwortet. 'Letharg' hat mit Selbstmord überhaupt nichts zu tun, Presse und Hörerschaft hätten das Werk nur einfach gerne dort gesehen, weil das einfacher gewesen ist, als sich inhaltlich mit 'Letharg' auseinander zusetzen.
Mit Deine 'These' liegst Du vollkommen richtig und genau das habe ich, meine ich, an anderer Stelle auch schon häufiger versucht, zum Ausdruck zu bringen. Manchmal braucht es Extremsituationen, um sich dem Wert des eigenen Lebens wieder klar zu werden.
Wenn man allerdings die Trilogie ("Verfall eines Individuums": Cholerik, Gehirn zwischen Wahn und Sinn und Endstation) betrachtet, soll am Ende der Titel „Endstation“ stehen („Die Verzweiflung in welcher der Protagonist beschließt, seinem Leben ein Ende zu machen, um die Schwelle zum Tode zu überschreiten“ aus „Cholerik“-Re-Release). Somit entsteht ein gänzlich anders Bild über den Werdegang des Protagonisten. Kann man behaupten, dass „Letharg“ autobiografisch gehalten ist, während die Trilogie auch mit den Grenzen der künstlerischen Fiktion spielt? Handelt es sich sozusagen um zwei verschiedene "Protagonisten"?
Hm, mit der Frage führst Du definitiv eine gewisse Ungereimtheit aus, die sich über die Jahre zwangsläufig ergeben hat. Die Grundfesten der Trilogie habe ich ja schon 2003 formuliert, zu einem Zeitpunkt, wo eine realistische Zukunft von Fäulnis überhaupt nicht absehbar war. Profan wollte ich mit 'Cholerik' nichts anderes, als 1000 andere 'Projekte' auch: ein Demo aufnehmen. Alles was danach folgte, insbesondere der Zuspruch, den ich offenbar für 'Gehirn zwischen Wahn und Sinn' bekomme und der Status, den Fäulnis heute hat, liegt weit über dem, was ich mir damals überhaupt erhoffen konnte oder wollte. Selbst 'Letharg' war später 'nur' eine plötzliche Gedankenflut, die ich vertonen musste, ohne daran zu denken, ob und wie es weitergehen könnte. Danach erst fing ich an, das ganze Chaos zu ordnen. Ohne diesen Weg hätte ich 'Gehirn' niemals zustande gebracht, ich habe
ja gut zwei Jahre an dem Material gearbeitet.
Der 'Werdegang des Protagonisten', wie Du es nennst, sind eigentlich nur Momentaufnahmen, die sich in meiner jeweiligen Gefühlslage manifestieren. Mit der Trilogie habe ich dem ganzen eine oberflächlich zumindest stringente Form gegeben, die sich über die Jahre in ihrer Auslegung schon so oft verändert hat, dass nun zum Beispiel 'Gehirn zwischen Wahn und Sinn' inhaltlich komplett von dem abweicht, was ich ursprünglich geplant habe. Das liegt aber einfach daran, dass ich mich naturgemäß einfach weiterentwickelt habe und heute schlicht andere Ansichten zu gewissen Dingen habe, alsfrüher. Klingt langweilig, aber ich bin älter und einfach ruhiger geworden. Zu Zeiten von 'Cholerik' und 'Letharg' war ich komplett im Eimer und zumindest gedanklich wollte ich den Protagonisten final sterben sehen, als konsequentes Ende. Mit der Zeit und der Auseinandersetzung mit dem Stoff begann ich, das Thema 'Ende' freier auszulegen. Zeitweise ging es wirklich um den thematisch 'echten' Tod, heute würde ich es vielleicht eher als eine Art Abschluss bezeichnen, der Tod, metaphorisch, als Möglichkeit für einen Neuanfang. Ich bin früher nun einmal radikaler und kompromissloser mit Extremwerten umgegangen, heute geht es mir vor allem um eine möglichst kompromisslose Auslegung der Realität und nicht der verzerrten Schein-Realität aus inszeniertem Pathos.
Der Protagonist ist derselbe, aber hat gelernt.
Fäulnis verweigert jegliche „Black Metal Klischees“; du selbst bezeichnest deine Musik als „Sick Black Art“ – wie tief ist die Bindung zum Black Metal (auch zur sog. „Szene“) - sofern sie überhaupt besteht oder in einer Form bestanden hat?
Ich habe eine starke Bindung zu meiner Vergangenheit und Black Metal hat dort lange Zeit eine sehr dominante Rolle gespielt, sprich, ich habe musikalisch lange Zeit kaum was anderes gehört. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr war Black Metal alles, erlag glatt der Illusion, in dieser Musik alles finden zu können, was für mich wichtig ist. Black Metal ist ein intensives Ausdrucksmittel für eine ganze Palette von Emotionen, heute finde ich diese aber in vielerlei anderen Stilen genauso, denen ich mich früher verschlossen habe. Mit einer Szene habe ich praktisch kaum was zu tun und bis heute fühle ich mich ihr auch nicht zugehörig. Ich kann mit der Uniformität und diesem starren Konventionskorsett nichts anfangen. Ich höre immer noch viel Black Metal, allerdings reichen mir die eigenen vier Wände und eine leistungsstarke Anlage. Und darüber klingen auch gerne immer wieder olle Misfits sehr gut!
Soweit ich dein Schaffen überblicke (wobei bemerkenswert ist, dass praktisch immer weitere Teile„der Gefühlswelt“ entblößt werden – anders kann man es wohl nicht ausdrücken!) erhebst du durchaus den gleichen Anspruch wie Klaus Kinski – die Kunst/ Musik nicht als bloße Fiktion und Gedankenspielerei, sondern reale Ausarbeitung, Kompensation, Sublimierung (im Sinne von Nietzsche)? Im Booklet des „Cholerik“-Re-Release bezeichnest du es (ironisch?) als „Selbstinzenierung“. Verschwimmen die Grenzen zwischen Person und „Kunst“?
Von Nietzsche habe ich keine Ahnung, aber ich kann nicht leugnen, Klaus Kinski als Gesamtkunstwerk zu bewundern. Mit seiner Kompromisslosigkeit und seiner unglaublichen Intensität ist er eine der beeindruckensten Personen der Öffentlichkeit gewesen. Und selbstverständlich, er hat sich ja praktisch bis ins kleinste Detail selbst inszeniert. 'Mein liebster Feind' sage ich nur...
Ich bin ja fast schon begeistert, wie Du mir hier zielsicher die Bälle zuwirfst. Fäulnis und Selbstinszenierung... Ich habe den Begriff mit einer ironischen Note versehen, aber es stimmt schon. Mein hochgestochenes, langatmiges Geschwafel in Interviews, das komplette semantische Drumherum von Fäulnis, immer mit dem unterschwelligen erhobenen Zeigefinger gegen den phrasendreschenden, langweiligen Rest... Da kommt dann doch einfach meine Persönlichkeit durch, ich stehe 100% hinter dem, was ich sage und tue. Und wenn eine Entscheidung vielleicht mal nicht so gut ist, stehe ich auch dafür ein. Ich glaube, Fäulnis funktioniert auch nur deshalb, weil ich mich nicht verstellen muss. Wie schlimm muss das für all die Bands sein, mit ihren auf Attraktivität bei der Zielgruppe geprügelten Images, die kaum mehr was von sich preisgeben können, weil es das Gesamtwerk zu einer Lachnummer machen würde. Ich laufe ja auch nicht blind durch die Welt, die Fäulnis ist heute nicht da, wo sie ist, weil ich ein begnadeter Musiker, geschweige denn Sänger bin. Ich denke schon, dass sich langfristig eine gewisse Authentizität auszahlt. Wobei ich wieder darauf verweisen möchte, dass Fäulnis eben nur ein Teil meiner Selbst ist und so kommen wir auch zur nächsten Frage:
Hast du nicht manchmal das Gefühl zuviel deiner Gefühlswelt „preiszugeben“? Als Hörer fühlt man sich teilweise fast „voyeuristisch“ (als passendes Beispiel fällt mir spontan „Spiegel, Splitter, Schrott“ vom aktuellen Album ein).
Und so soll es sein. Nicht anders. Ich bin nicht mit Fäulnis angetreten, um der Welt zu geben, was sie haben will. Ich will den Hörer konfrontieren, mit sich selbst, mit Teilen von sich selbst, die man gerne hinter einer Fassade verschwinden lässt. Und auch wenn ich es selbst nicht gedacht hätte, es funktioniert. Sicher, ein ganz großer Teil springt schon vorher ab und legt Fäulnis zu den Akten. Wer Musik hören will um unterhalten zu werden, ist hier sicher falsch und auch wenn 'Gehirn zwischen Wahn und Sinn' musikalisch viel ausgefeilter daherkommt, als noch Cholerik, es sind die Texte, um die es mir geht. Ich will diese möglichst intensive Auseinandersetzung. Ansonsten kann ich auch Popmusik machen.
Und was heißt schon 'preisgeben'? Was gebe ich schon preis, was, und darauf spielst Du vielleicht an, mir zum Nachteil werden könnte? Schlimmstenfalls bin ich für ein paar Leute zu emo, aber das Gegenstück, es als Künstler zu schaffen, fremden, von mir unabhängigen Leuten emotional die Klatsche zu geben, ihnen den Spiegel vorzuhalten, ist es mir wert.
Am Ende der „Letharg“-EP wird ein Sample von Klaus Kinski eingespielt (aus dem recht bekannten NDR-Interview vermute ich); verbindest du etwas Spezielles mit Kinski oder passte nur das Zitat zum Schaffen von Fäulnis („Ich spiele nicht, ich bin das – und deswegen bin ich nichts!“)? Ebenso hat Kinski ja auch Villon („Die Lästerzungen“; ebenfalls „Cholerik, eine Aufarbeitung²“) rezitiert.
Siehe oben. Das Zitat passte perfekt zum 'Letharg'-ischen Ende und trifft genau den Kern.
Und klar, das Gedicht von Villon kenne ich über Kinski. Das war eine glückliche Fügung, denn 'Die Lästerzungen' treffen auch heute noch den Nagel auf den Kopf.
Im Textheft der Letharg DVD sprichst du „vom Gefühl im Kreis gelaufen zu sein“. Ist die Aufarbeitung noch immer nicht abgeschlossen – die „Ewige Wiederkunft des Gleichen"?
Ja nun, ich bin auch nur ein Mensch, unglaublich aber wahr. Die Aufarbeitung ist ja in diesem Fall ein Prozess, gedankliches zu verschriftlichen oder zu vertonen. Ich erhoffe mir natürlich eine kompensatorische Wirkung dadurch, dass ich das ganze Zeug aus meinem Kopf niederschreibe.Aber letzten Endes geht das Leben jeden Morgen weiter und hält ja genug neue Überraschungen bereit. Das Leben wird ja nicht plötzlich zu einer blühenden Wiese, weil man eine CD aufgenommen hat.
Wie zufrieden bist du mit der filmischen Umsetzung von „Letharg“? Mir persönlich war gerade die Schlussszene doch etwas zu „abgedroschen“, während das gesprochene (und neu vertonte) Mittelstück doch sehr eindrucksvoll dargestellt wurde (nochmal zum Thema Kinski,Stephan Lenze zeigt doch eine gewisse Ähnlichkeit...?).
Ich bin sehr zufrieden mit der Umsetzung. Schwierig mag für viele sein, dass man sich bei der Verfilmung komplett von der damaligen Veröffentlichung lösen muss, da wir bewusst darauf verzichtet haben, das Gefühl zur Zeit der musikalischen Aufnahmen zu rekonstruieren, Stephan Lenze also praktisch komplett freie Hand bekommen hat. Gerade die Schlussszene gefällt mir sehr gut, streiten können wir vielleicht über die Sequenzen der Maschinen-Schau. Aber selbst die sind, so platt sie erscheinen, so geplant und umgesetzt worden.
Im Beiheft der Letharg-EP wurden neben dir nur „Gastmusiker“ geführt; mittlerweile führt deine Netzpräsens auch zwei Herren unter den Kürzeln „P.H.“ und „N.G.“. Inwieweit beziehst du weitere Musiker in das Songwriting mit ein, bzw. waren weitere Personen bereits in der Vergangenheit involviert? Wohin führt der Weg von „Fäulnis“?
Das Songwriting und die Texte werden immer meine Sache sein und bleiben. Ich habe mir nur immer wieder Gastmusiker gesucht, um gewisse Unfähigkeiten meinerseits auszubügeln. Eine große Rolle spielt hier das Schlagzeug. Ich kann absolut kein Schlagzeug spielen, wollte aber niemals, unter keinen Umständen auf einen Drum-Computer zurückgreifen, der die ganze Stimmung eines Albums komplett ruinieren kann. Eine gewisse Öffnung von meiner Seite aus gab es jetzt mit 'Gehirn zwischen Wahn und Sinn', wo N.G. erstmals eine lange Vorlaufzeit hatte, die Drumspuren zu entwickeln und auszuarbeiten. Der Drummer auf der Cholerik hatte damals die Stücke von mir direkt im Studio vorgespielt bekommen und musste sie danach sofort einspielen, das war damals eine Sache von höchstens einer Stunde. Für ihn undankbar und blamabel ohne Ende, da er ein wirklich guter Schlagzeuger ist, allerdings komplett in meiner Eigensinnigkeit und chaotischen Vorbereitung untergegangen ist. An P.H. hatte ich dieses mal den Bass komplett abgegeben und ihm auch viele Freiheiten bei den Basslinien gegeben. Da auch er, im Gegensatz zu mir, ein hervorragender Musiker ist, litt er genauso unter meiner Starrsinnigkeit und musste viele Ideen wieder auf minimalistische Linien runterkürzen.
Wohin führt der Weg? Ich habe keine Ahnung. Ich habe seit den Aufnahmen meine Gitarre nicht mehr in der Hand gehabt, vor kurzem aber mit losen Vorbereitungen für 'Endstation' begonnen. Neben dem Hauptbeitrag und eventuell den ein oder anderen Bonus werden auf der der Veröffentlichung Gastbeiträge, das heißt, Cover, Interpretationen von (befreundeten) Künstlern enthalten sein (Gastbeiträge können gerne abgesprochen werden). Außerdem, da das ganze kostenlos zum runterladen sein wird, Coverdaten und eine umfangreiche PDF. Dazu folgendes: Ich sehe 'Endstation' mehr als eine Art Compilation, die letzten Puzzleteile, eine endgültige Zusammenfassung und Beendigung der Trilogie. Ob und wie es danach weitergeht... abwarten.
Außerdem planen wir gerade ein Video zu 'Landgang' und so wie es aussieht, wird Fäulnis noch dieses Jahr auf die Bühne gehen.
Ich bedanke mich für die investierte Zeit zur Beantwortung meiner Fragen.
Ich danke für Deine interessanten Fragen.